Chongqing (重庆) und Fengdu (丰都) – Vom Betonurwald zum Tor der Hölle

Da ich bis jetzt eher weniger unternehmungslustig war, oder besser gesagt weil fast jedes Wochenende bis jetzt irgendwie schon anderweitig verplant war, wollte ich zumindest noch den letzten Monat des Jahres für ein paar Wochenendtrips ausnutzen. Als mein erstes Reiseziel habe ich die zwei Stunden entfernt gelegene Stadt Chongqing und die etwas außerhalb von Chongqing liegende Kleinstadt Fengdu auserkoren.

Chongqing hatte ich in meinem allerersten Blogbeitrag schon mal erwähnt, sie ist neben Chengdu die zweitwichtigste Stadt im Westen Chinas. Aber nicht nur das, Chongqing ist eigentlich auch die größte Stadt der Welt. Als eine der vier regierungsunmittelbaren Städten Chinas, das heißt sie untersteht direkt Peking, bedeckt Chongqing eine Fläche so groß wie Österreich. Mittlerweile zählt die Stadt insgesamt über 32 Millionen Einwohner, im Kern sind es allerdings „nur“ 4,5 Millionen. Geologisch liegt Chongqing am Rand des Sichuan-Beckens oder genauer gesagt im Roten Becken, dieser Name kommt von der durch roten Sandsteinen und Tonen verursachten typischen Färbung der Erde. Außerdem durchfließen viele Flüsse die Region, so mündet der Fluss Jialing direkt im Kern der Stadt in den Jangtsekiang. Insgesamt wurde Chongqing in 38 Stadtbezirke aufgeteilt, die Innenstadt umfasst sechs Stadtbezirke.

Dass eine Stadt mit so vielen Menschen kaum schön sein kann, habe ich mir fast schon gedacht, trotzdem war ich dann doch recht erstaunt über den Betonurwald, der mich erwartete. Fast alle Häuser sind alt und heruntergekommen, die hohe Luftverschmutzung ist daran natürlich auch nicht unschuldig. Nicht umsonst sagt man, Chongqing sei nur bei Nacht mit den vielen bunten Lichtern wirklich sehenswert. Ebenfalls neu für mich waren die teilweise sehr steilen Straßen, da die Stadt auf einem Berg erbaut wurde. Die bekanntesten Sehenswürdigkeiten, wie die Jangtse-Seilbahn, das Jiefang-Monument am Chongqinger ‚Times Square‘, die Hongya-Höhle und der Luohan-Tempel lassen sich alle entspannt in einem Tag besichtigen. Wer mehr sehen möchte, muss etwas weiter außerhalb suchen. Insgesamt hat mir die Stadt nicht besonders gut gefallen und so war ich froh dort auch nur einen Tag verbracht zu haben.

Am Sonntag ging es dann noch in die ungefähr 160 Kilometer von Chongqing entfernt liegende 800.000 Einwohner Stadt Fengdu. Die Stadt liegt direkt am Jangtsekiang, der neue Teil der Stadt auf der rechten, der alte Teil der Stadt auf der linken Seite des Flusses(flussabwärts gesehen). Dort befindet sich ebenfalls der buddhistisch geprägte Berg Ming auf dem die berühmte Geisterstadt errichtet wurde. Der Legende nach kommen alle verstorbenen Han-Chinesen zunächst nach Fengdu, damit über die guten und schlechten Taten im Leben gerichtet werden kann. Dafür gibt es drei Prüfungen zu bestehen: Zunächst muss der Verstorbene die „Brücke der Hilflosigkeit“ (奈何桥) überqueren, dort warten schon die zwei Wächter Rinderkopf und Pferdegesicht (牛头马面), um schlechte Menschen sofort hinunter in die Hölle zu stoßen. Gute Menschen werden vom Schutzkönig Bai Wuchang weiter begleitet. Anschließend muss das Höllentor (鬼门关) passiert werden. Zu guter Letzt folgt noch eine Balanceprüfung im Höllenpalast (天子殿) vor dem Höllenkönig Yan selbst (阎王), dafür muss drei Minuten einbeinig auf einem wackeligen Stein gestanden werden. Wer all diese Prüfungen besteht, wird im nächsten Leben in eine wohlhabende Familie wiedergeboren oder steigt zum Jade-König (玉皇) in den Himmel hinauf. Wer sie nicht besteht, wird auf ewig in der Hölle (地狱) bestraft.

Insgesamt ist die Geisterstadt sehr interessant und hat mir sehr gut gefallen, während man langsam den Berg hinaufklettert trifft man auf verschiedenste Personen der chinesischen Mythologie und bekommt eine leichte Ahnung davon, wie sich Chinesen das Leben nach dem Tod vorstellen. Zwar gibt es an jeder neuen Station, ob nun Tempel, Pavillon oder Anderes, eine Informationstafel auf Englisch, jedoch ist es kein Wunder bei den vielen Namen von Geistern, Göttern, Königen, etc. schnell den Überblick zu verlieren. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass manche Informationen nicht wirklich verknüpft wurden, das mag jedoch auch einfach an meiner Unwissenheit über die chinesische Mythologie gelegen haben. Empfehlenswert ist daher vielleicht sich vorher etwas in die Thematik einzulesen.

Vor der Rückkehr nach Chengdu blieb noch etwas Zeit durch die eigentliche Stadt Fengdu zu schlendern. Dort gab es zwar nichts Besonderes zu sehen, aber Halleluja, ich habe mich gefühlt wie ein Alien. Ich bin es mittlerweile zwar schon mehr oder weniger gewohnt von einigen Menschen angestarrt zu werden, hier und da wird auch „ganz unauffällig“ mal ein Foto geschossen, aber das was ich in Fengdu erlebt habe übertrifft alles. Wirklich fast alle haben mich angeglotzt oder sich sogar nach mir umgedreht, ein paar kleine Kinder haben auch mit dem Finger auf mich gezeigt und erstaunt „Ausländer“ gerufen (womit ich kein Problem habe, es sind schließlich Kinder). Aber dass ein Mädchen in meinem Alter in einem Café ebenfalls auf mich zeigt und laut Ausländer ruft, fand ich dann doch etwas unhöflich. Vielleicht sollte ich demnächst einfach anfangen mit dem Finger zurück zu zeigen und „Chinese“ zu rufen..

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Eva sagt:

    Danke für die schönen Bilder, die uns wenigstens einen kleinen Einblick in dein Auslandssemester geben.
    Wie erstaunt wären alle Anwesenden, wenn du in solchen Situationen auch noch auf Chinesisch antworten würdest?
    Wäre mal einen Versuch wert, oder?

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    1. juliacxj sagt:

      Je besser mein Chinesisch wird, desto schlagfertiger werde ich auch hoffentlich 😄

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