Xi‘an (西安) – Die Hauptstadt des alten Chinas

Das zweite Ziel meiner Reise wurde Xi‘An. Mit einer Geschichte von über 3000 Jahren zählt sie zu einer der ältesten Städte Chinas und wurde während der Qin-Dynastie (221-206 v.Chr.) zum ersten Mal Hauptstadt des Kaiserreiches. Aber auch in vielen der darauffolgenden Dynastien wurde Xi’an immer wieder als Hauptstadt gewählt und damit zum politischen und kulturellen Zentrum Chinas. Weltweit bekannt wurde die vergleichsweise eher kleine chinesische Stadt jedoch erst mit der Entdeckung der Terrakotta-Armee, der Grabstätte des ersten Kaisers von China. Heute ist Xi‘an die Hauptstadt der Provinz Shaanxi.

Von Xining aus nahm ich also wieder einen Nachtzug und kam so am nächsten Morgen schon recht früh in Xi‘an an. Nachmittags würden dann auch meine Freunde Joshua und Caro ankommen, aber da ich bis zur Ankunft der zwei noch Zeit hatte, trieb mich der Hunger zuerst ins muslimische Viertel im Stadtkern von Xi‘an. Doch dort wurde ich wirklich hoffnungslos von neuen Reizen überflutet. In den kleinen Gassen drängten sich viel zu viele Menschen, es war laut, hektisch und unübersichtlich und an jedem Stand gab es etwas Neues zu sehen; muslimische Spezialitäten, chinesische Nudeln, bunte Süßigkeiten, Snacks, exotische Säfte und andere Leckereien, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich wusste nicht wo ich zuerst hinschauen sollte und nachdem ich mich über eine Stunde durch die Menge habe treiben lassen, bin ich schließlich in einem kleinen Restaurant gelandet. Dort konnte ich dann endlich meinen Hunger mit sogenannten Dingding-Nudeln (丁丁面) stillen. Anschließend bin ich noch zur Großen Moschee von Xi‘an (西安大清真寺), die ebenfalls etwas versteckt im muslimischen Viertel liegt. Diese wurde während der Ming-Dynastie (1368-1644 n.Chr.) errichtet und gleicht eher einem Tempel als einer typischen Moschee. Insgesamt besteht sie aus fünf gartenähnlichen Höfen mit der eigentlichen Gebetshalle ganz am Ende der Anlage. Außerdem soll sie die größte Moschee Chinas sein.

Ganz in der Nähe des muslimischen Viertels befindet sich der Glockenturm (钟楼) und der Trommelturm (鼓楼). Beide Türme wurden ebenfalls während der Ming-Dynastie errichtet und bekamen ihren Namen durch die große Glocke bzw. Trommel im Inneren. Früher wurde durch das Leuten der Glocke auf den Beginn des Tages und mit dem Trommelschlag auf das Ende des Tages hingewiesen.

Ungefähr fünf Minuten zu Fuß vom Glockenturm befindet sich das Südtor der Stadtmauer (西安城墙). Diese wurde zu Beginn der Ming-Dynastie erstmals errichtet und seitdem immer wieder ausgebaut und erneuert. Insgesamt ist sie 14 Kilometer lang, besitzt vier Haupttore sowie 14 weitere kleine Tore, durch die man in den Stadtkern gelangt. Man kann entweder zu Fuß auf der 12 bis 14 Meter breiten Mauer laufen oder sich für 120 Yuan ein Fahrrad mieten und eine Runde drehen. Wir haben die Variante zu Fuß gewählt und konnten so bestens den Blick über die Stadt genießen, da fast alle Häuser im Stadtkern eher flach gehalten sind. Im Nordwesten der Stadtmauer kann man daher auch von oben einen guten Blick auf den Lama-Tempel (广仁寺) erhaschen, dem einzigen tibetisch-buddhistischen Tempel der Stadt.

Außerhalb des Stadtkerns befinden sich außerdem noch im Süden die Kleine Wildganspagode (小雁塔) und im Südosten die Große Wildganspagode (大雁塔). Jeden Abend gibt es vor der Großen Wildganspagode eine Tanzaufführung im Stil der Tang-Dynastie und eine Art Wassershow mit bunten Lichtern. Hinter der Pagode gibt es ebenfalls eine großen Platz auf dem abends musiziert und getanzt wird.

Das kulturelle Highlight war meiner Meinung jedoch trotzdem die Terrakotta-Armee. Zwar hatten wir uns alle drei etwas mehr erwartet, bedenkt man jedoch das Alter und die Größe des Baus sowie die geleistete Arbeit der Ausgrabungen soweit, kann man nur staunen.

Die Terrakotta-Armee gehört zur Grabanlage des ersten Kaisers von China Qin Shihuangdi (秦始皇帝). Unter ihm wurden 221 v.Chr. erstmals weite Teile Chinas zu einem großen Reich vereint. Mit Beginn seiner Kaiserzeit ließ er ebenfalls die Bauarbeiten seines Grabmals beginnen, denn wie im alten Ägypten glaubten die Chinesen, dass alles was sich nach dem Tod im Grab befindet, mit in die Nachwelt genommen wird. Daher wurden zahlreiche, maßstabgetreue Figuren von Menschen und Tiere, aber auch Gebrauchsgegenstände und andere Beigaben aus Bronze und Ton in verschiedenen Gruben mit in der Grabanlage beigesetzt. Die Terrakotta-Armee selbst ist auf drei von vier großen Gruben aufgeteilt, die vierte Grube konnte nicht mehr gefüllt werden, da der Kaiser zuvor verstarb und man den Bau nach seinem Tod sofort einstellte. In den anderen drei Gruben befinden sich in feinsäuberlichen Reihen aufgestellte Fußsoldaten, Bogenschützen, Streitwagen und sogar Pferde, wobei lediglich die erste Grube bis zum heutigen Tag vollständig ausgegraben wurde. An sich sind alle Tonfiguren individuell und vor allem detailreich gestaltet, ursprünglich war jede Figur auch aufwendig bemalt, allerdings ist die Farbe durch die Oxidation nach der Ausgrabung mit der Zeit verblasst. Neben den vier großen Gruben gibt es noch unzählige kleine Beigabegruben, die in der gesamten Grabanlage verteilt sind. Das Grab an sich, oder besser gesagt der Grabhügel, unter dem das Grab Qin Shihuangdis liegen soll, wurde bis heute erstaunlicherweise noch nicht geöffnet. Ebenfalls verwunderlich ist die erst sehr späte und zufällige Entdeckung der Terrakotta-Armee 1974, sodass bis heute nur ungefähr ein Viertel der Grabanlage freigelegt wurden.

Insgesamt haben mir die vier Tage in Xi’an sehr gut gefallen, sowohl die Stadt als auch die Umgebung haben kulturell sehr viel zu bieten, jedoch man braucht auf jeden Fall noch mehr Zeit um alles zu entdecken.

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